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PHOTONICS INTERVIEW
Dr. Dirk Berndt , Fraunhofer IFF
Die Vision von der Nullfehlerproduktion

berndt120Das Fraunhofer IFF entwickelt komplexe Messanordnungen sowie Methoden und Algorithmen zur Messdatenauswertung für innovative kundenindividuelle Messtechnik und Prüfsysteme. So lässt sich etwa eine geometrische 100%-Bauteilprüfung mit Sensoren mit der am Institut entwickelten Technologie "OptoInspect 3D" lösen. Dr. Dirk Berndt ist Leiter des Geschäftsfeldes Mess- und Prüftechnik.

1. Die Anforderungen an Materialoberflächen steigen in der Industrie ständig. Dazu kommt, dass sich viele Fertigungsverfahren im Mikro –oder sogar Nanobereich abspielen. Das führt doch auch zu eine stark erhöhten Nachfrage nach optischen 3D-Messtechniken?
 
Dr. Dirk Berndt: Das ist richtig und spiegelt sich auch in der wachsenden Anzahl von Geräteanbietern wider. Betrachten Sie z. B. die etablierten optischen Messverfahren der Fokusvariation, der Weißlichtinterferometrie oder die konoskopische Holografie. Zukünftige Anforderungen bestehen aber auch darin, diese optischen Messtechnologien in den Fertigungsfluss zu integrieren, um Oberflächenmerkmale schnell und zuverlässig für jedes Bauteil zu erfassen und adaptiv auf die Prozessregelung eingreifen zu können. Nur dann kommen wir der Vision einer Nullfehlerproduktion ein ganzes Stück näher.
 
2. Zieht denn die steigende Komplexität und Vielfalt der Produkte nicht auch sehr viele unterschiedliche Messverfahren nach sich? Oder anders gefragt: braucht man innerhalb einer Fertigungslinie viele verschiedene „Messgeräte“ oder gibt es welche, die multifunktional sind?

Dr. Dirk Berndt: Funktional sehr anspruchsvolle Bauteile weisen komplexe geometrische Merkmale auf, die aufgrund ihrer späteren Verwendung sehr unterschiedliche Merkmalstoleranzen haben. Gleichfalls haben grobtolerierte Merkmale i. A. auch eine größere laterale Ausdehnung von mehreren Zentimetern, während feintolerierte Merkmale eine laterale Ausdehnung von wenigen Millimetern haben.

Um aus Sicht des heutigen Standes der Technik die komplexen Messanforderungen zu erfüllen, bedarf es Multi-Sensorlösungen. Für Makro- bis Mikromerkmale kommen z. B. triangulationsbasierte Messverfahren zum Einsatz und für Mikro- bis Nanomerkmale kann z.B. die Weißlichtinterferometrie verwendet werden. Zunehmend werden auch Geometriemerkmale innerhalb von z. B. urgeformten Bauteilen interessant für die das Verfahren der Computertomografie eingesetzt werden kann. Alle Verfahren müssen die jeweiligen Merkmale innerhalb eines definierten Bauteilkoordinatensystems bestimmen, was eine gemeinsame Verknüpfung der Verfahren (sog. Registrierung) sowie eine Datenfusion erfordert. Hier besteht noch intensiver Forschungsbedarf.
 
3. Was wird aktuell in der Produktion schon alles gemessen?
 
Dr. Dirk Berndt: Das ist sehr vielfältig. In der aktuellen Produktion werden mit optischen Koordinatenmessmaschinen Stichprobenmessungen durchgeführt. Darüber hinaus bieten die triangulationsbasierten Verfahren, wie z . B. das Laser-Lichtschnittverfahren, die Streifenprojektion und die Fotogrammetrie, ein großes Anwendungspotential für prozess- und maschinenintegrierte Lösungen. So werden Pkw- und Eisenbahnräder, Eisenbahnradsätze, Profile, Karosseriebauteile in der Automobilproduktion, Rumpfschalen in der Flugzeugherstellung usw. auf Maß-, Form- und Lagetoleranzen überprüft.
 
4. Die Frage nach der Software führt meist auch zu Frage nach standardisierten Schnittstellen?
 
Dr. Dirk Berndt: Die Standardisierung ist – für den Anwender nicht unmittelbar sichtbar – ein gutes Stück voran gekommen. Nahezu jedes optisch und digital messendes Gerät verwendet moderne Kamerasysteme, die über standardisierte Schnittstellen für eine Verbindung mit PC-Systemen verfügen. Für den Anwender relevanter ist die Fragestellung, wie die Messsysteme auf Sollvorgaben zugreifen können und in welcher Art und Weise die Messergebnisse dokumentiert und archiviert werden.

Zur standardisierten Bereitstellung der Sollvorgaben kommen uns die Entwicklungen der CAD-Systeme von einem reinen 2-D-Zeichnungsprogramm hin zu einem 3-D-Volumenmodellierer sehr entgegen. In zunehmendem Maße sind die industriellen Endanwender in der Lage, 3-D- Modelle zur Verfügung zu stellen, aus den automatisiert Sollvorgaben abgeleitet werden können. Doch auch hier ist für eine standardisierte Messprogrammerstellung, die dann alle Messgeräte unterschiedlicher Hersteller verstehen, noch viel zu tun.

Bei der Art und Weise der Dokumentation und Archivierung der Messergebnisse sieht die Situation sehr viel besser aus. Hier stehen standardisierte Datenschnittstellen zu Programmen der statistischen Qualitätsanalyse, der Archivierung in Datenbanken und dem Datenexport in Tabellenkalkulationen zur Verfügung.
 
5. Kürzere Durchlaufzeiten und Kosteneinsparungen sind wohl die meist gebrauchten Schlagwörter in der Fertigungstechnik. Da ist ohne Automatisierung nicht denkbar. Wie gut „automatisiert“ ist die optische Messtechnik?
 
Dr. Dirk Berndt: Die Technologien der optisch dimensionellen 3-D-Messtechnik bieten den prinzipiellen Vorteil, dass sie als vollautomatische Messeinrichtung arbeiten können und in den Fertigungsfluss integrierbar sind, so dass jedes Bauteil im Fertigungstakt der Produktion gemessen werden kann. Selbst komplexe, in Bearbeitungsmaschinen integrierte, Sensorlösungen sind möglich. Diese Inline-Messtechnik erfordert jedoch aufgabenangepasste Lösungen, die sich nicht aus Standardsensoren konfigurieren lassen. Um diesen Herausforderungen Rechnung zu tragen hat das Fraunhofer IFF in Magdeburg Werkzeuge entwickelt, die eine Entwicklung, Realisierung und Inbetriebnahme aufgabenangepasster Sensorsystem ermöglicht. Vielfältige Realisierungsbeispiele existieren dazu bereits.

6. Was sind die gegenwärtigen Trends in der optischen, industriellen Messtechnik? Wohin wird sie sich entwickeln?
 
Dr. Dirk Berndt: Optische 3-D-Messsysteme müssen inlinefähig sein, damit Prozessabweichungen frühzeitig zu erkennen sind. Dazu ist eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von Herstellern von Maschinen und Anlagen mit Spezialisten der optischen Fertigungsmesstechnik erforderlich. Für einen robusten und zuverlässigen praktischen Einsatz, müssen die 3-D-Messsysteme adaptiv auf sich verändernde Umgebungsbedingungen – wie Temperatur, Schwingungen oder optische Eigenschaften der Messobjekte – reagieren können.

Lösungen der optischen, dimensionellen 3D-Fertigungsmesstechnik, die optische 3D-Sensoren nutzen, müssen einfach rekonfigurierbar sein, um sie zukünftig flexibleren Produktionssystemen – bei zunehmend geringeren Losgrößen in der Fertigung – anpassen zu können. Dazu sind geeignete und benutzerfreundliche Verfahren und Werkzeuge zu entwickeln, die eine Messmittelfähigkeit stets sicherstellen. Zukunftsorientierte Lösungen erfordern eine vollautomatische und sehr schnelle Datenverarbeitung der erfassten Geometriedaten.

Wir danken für das Interview.

Das Interview führte Hermann Straubinger (www.comeeco.de).

Mehr Informationen
http://www.iff.fraunhofer.de



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